Puffs, Sex und der Westen

September 3, 2006

Das beliebteste Gespraechsthema zum Smalltalk ist Sex. Fast immer wenn ich von einem Inder angesprochen werde, kommen zwei Fragen: Bei euch gibt es Puffs?! Warst du auch schon mal da?? Und dann: was muss ich machen um eine deutsche Frau zu heiraten? Letztere ist wenig ueberraschend schlieslich ist der Westen das grosse Vorbild und alle jungen Inder orientieren sich an unserer Kultur. Die ersten Fragen ueberaschen mich etwas: schlieslich gibt es im Park gegenueber von Kanteerawa Stadium wo ich in Bangalore wohne auch sehr gut besuchte Prostituierte. Dennoch scheinen die meisten Inder ihre ersten sexuellen Erfahrungen erst nach der Hochzeit zu sammeln, und entsprechend ist Sex ein aeusserst geheimnissvolles und spannendes Thema…

Sterben in Indien

September 2, 2006

Vorgestern habe ich eine Mutter gesehen die ihren vielleicht zwoelf Jahre alten Sohn nach Hause gefahren hat. Er war tot und seine Mutter hat ihn waehrend der Fahrt mit der Rikschah in den Armen gehalten. Zu Hause angekommen wurde er vor dem Haus aufgebahrt und seitdem wird beraeuchert, gewaschen und von seiner Mutter bewacht. Alles ist oeffentlich und immer sind andere Menschen bei der Mutter. Lediglich zwei Tuecher sind in zwei Richtungen um ihn gespannt. Weniger als Sichtschutz, als der Atmosphaere und des Strassenstaubs wegen. Der Junge sieht ziemlich gesund und gut genaehrt aus. Die kleine Strasse ist wegen der Aufbahrng des Jungen gesperrt.

Wieder in Bangalore stand heute der Besuch der zentralen Festparade in der Naehe der Hauptstrasse an. Neben einigen folkloristischen Taenzen war eine Motoradbrigarde der Programmhoehepunkt. Zumindest wenn ich nach der Begeisterung meiner fast ausschlieslich maennlichen Publikumsumgebung gehe. Und, vermutlich auch abgehaertet von Stunts und Actionfilmen, erinnerte mich die Show eher an die erbaermliche Parkour-Show von vor ein paar Wochen, als an eine zentrale staatliche Feier. Ein Handstand auf einen Motorrad, oder der Sprung von einer einen Halb-Meter-Schanze? Gaehn! Ganz anders das Publikum das drueckte, schubste und draenglte und gierte nach mehr. Aber die sehen wohl auch nicht jeden Tag fernsehen.

Ausserdem unuebersehbar, sind die vielen Fahnen, die an Autos, Rikschahs und Gebaeuden aufgehaengt sind. Und eine Sonderausgabe von India Today einem indischen Politikmagazins. „India in numbers“ lautet der Titel und das stimmt durchaus. Zahlen findet man sehr viele drinnen, aber leider vermisse ich eine Idee, eine Aussage oder auch nur eine Fragestellung. Beim durchlesen des Textes bleibt nichts haengen, anders als bei den meisten anderen Artikeln. Die sind fuer mich ueberraschend gut. Meist werden die Quellen genannt, die Themensetzung ist vielfaeltig und Politik- und Wirtschaftslastig. Zurueck zum Hauptartikel: Indien wird immer mit den USA und mit China verglichen, meist in Wirtschaft, Gesundheit (Anzahl der Krankenhausbetten pro Einwohner, allgemeine Gesundheitsausgaben) und Bildung (Anzahl der Doktoranten, der Colleges etc).

Ganz anders dagegen die interviewte Prominenz: Einer fordert ein groesseres kulturelles Selbstbewusstsein; ein anderer beklagt die zunehmende Umweltverschmutzung; der dritte die zunehmende soziale Ungleichheit. Fehlt irgendwie nur noch die Euphorie und der Stolz, der auf der Strasse zu finden war.

Abendessen

August 12, 2006

Auf dieser Flussseite waren wir vermutlich die einzigen Touristen, wehalb (fast?) alle Restaurants zu hatten. Entsprechend folgten wir dem Angebot von einem Dorfbewohner bei ihm in der Huette zu speisen. Die Huette bestand, ganz wie man sie sich vorstellt, nur aus Bambusrohr, Palmblaettern und Lehm. Der einzige Raum wurde von vier Personen (Mutter, Vater und zwei Kinder) bewohnt. Der Lehmboden war im Laufe der Jahre geglaettet und geebnet worden. Radschuh, unser Gastgeber, schwaermte von den geschmacklichen Vorzuegen der am offenen Feuer zubereiteten Speisen. Er lehnte Gas strikt ab, und verwies auf die Fliegen, die bei fehlenden Feuerrauch in die Huette kaemen. Und, als wir da so bei Kerzen- und Feuerschein im Kreise sassen, waehrend in der Mitte das juengste, sechs Monate alte Kind in einer Haengematte geschaukelt wurde, konnte man ihm nur mit leuchtenden Augen zustimmen. Auch wenn ich die Nacht spaeter gemuetlich im Bett mit Moskitonetz, ohne Rauch, aber dafuer mit Musik und Lichtschalter in Griffnaehe verbracht habe…

Ehekrisen

August 10, 2006

Die Haeuser in Hampi bestehen oft nur aus zwei Zimmern, wobei das zur Strasse hin meist als Restaurant oder Geschaeftsraum dient. Entsprechend ist viel mehr vom Familienleben oeffentlich. Gestern auf dem abendlichen Heimweg wurde ich zusammen mit Florian Zeugen eines Ehestreits. Eigentlich nicht nur wir sondern die ganze Nachbarschaft hat diesen mitbekommen. Als der Mann der Frau dann mehrmals mit erhobener Hand Schlaege angedroht hat, stellten sich dann nach und nach ca. 10 Nachbarn auf die Seite der Frau. Schweigend, mit verschraenkten Armen.

Der Mann hat dann noch versucht die Nachbarn zu ueberzeugen und ist dann weggegangen. Sehr eindrucksvoll.

Strassenreinigung

August 4, 2006

Jeden abend oder morgen wird vor dem Hauseingang die Strasse geschrubbt. Recht gruendlich und mit viel Wasser. Ein Umstand der die nicht vorhandene Strassenreinigung ersetzt. Motivation ist aber weniger die Reinlichkeit des Strassenbilds als vielmehr das Wegwaschen der Bemalung des Vortages. Denn jeden Tag wird ein neues zum Teil recht aufwendiges Muster vor die Strassentuer gemalt. Das soll Glueck bringen.

Hindu-Tempel

August 2, 2006

Am Anfang wurde erstmal das Gepaeck durchsucht, anschliessend musste man die Kameras abgegeben, Fotos sind im Tempelinnern verboten. Nachdem dann auch die Schuhe ausgezogen und abgegeben waren, durften wir rein. Beziehungsweise zum Gebet: 108 (wie im Hinduismus ueblich) Platten lagen vor uns, und auf jeder sollte das Mandra “

Hare Krishna Hare Krishna

Krishna Krishna Hare Hare

Hare Rama Hare Rama

Rama Rama Hare Hare

gesagt werden. Wobei die Aussprache von  Hare stark an ein Hey errinnert. Da Ueberholen unmoeglich war machten auch alle Besucher mit. Anschliesend wurden wir in einen genau vorgegebenen Weg durch die Tempelanlage geschleust. Der Tempel war entweder ganz oder groesstenteils neu errichtet. Der Tempel war gut besucht und, sagen wir, stark belebt. In der Haupthalle gab es einen Buchgeschaeft mit doch recht engagierten Haendlern; es gab ebenso engagierte Spendensammler und sehr viele indische Familien die sich in der Halle niedergelassen hatten. Die Familien unterhielten sich zum Teil recht angeregt, Kinder schriehen, am Hauptheiligtum wurde im Hintergrund gerade gebaut, waehrend vorne dran ein Moench irgendwelche Zeremonien durchfuehrte, die nur durch sein gelegentliches Kratzen an Nase oder am Haupthaar unterbrochen wurden. Fuenf Minuten spaeter, nach getaner Arbeit liess er sich dann in einem Plastiksessel nieder, ueberkreuzte die Beine und und erfreute sich der Armlehnen. Aus dieser im doch um einigeres behaglicheren Position beobachtete er das rege Treiben um sich herum.

Nach der Haupthalle kam dann eine grosse Shopping und Gastronomiezeile: es gab Postkarten, Devotionalien, Lebensmittel, Kleider, Imbisse, ein Restaurant, Biolebensmittel ein Kino und einiges mehr.

Insgesamt erinnerte mich der Tempel mehr an einen grossen Marktplatz als an eine europaeische Kirche. Das ist aber nicht abwertend gemeint: immerhin wird dort gelebt, und vielleicht steht der lockere Umgang mit dem Tempel ja auch fuer einen freieren und ungezwungeneren Umgang mit Religion. Sicherlich sind die ganzen Geschaefte darauf aus Geld zuverdienen,  aber dafuer gibts es ja auch keine Kirchensteuer… Und der Tempel foerdert ja nicht nur oekologische Landwirtschaft, betreibt ein Programm zum Schutz der Kuh, sondern bietet auch 120.000 Kindern seiner Umgebung auch ein kostenloses Mittagessen an. 

Gleichberechtigung

Juli 25, 2006

Auf der Taxifahrt im Auto, sitzen wir recht dicht gedraent zu neunt im Auto: drei Frauen und sechs Maenner. Der Verkehr ist gewohnt aufregend, staendiges Hupen (zum Einleiten wie Abschliesen des Ueberholvorgangs, sein eigenes Erscheinen in Kurven und Kreuzungen ankuendigen), Ausweichmanoever wegen der vielen Schlagloecher und Geisterfahrer, sowie das haeufige Abbremsen vor den „Bremshubeln“ und das anschliesende beschleunigen. Die indischen Mitfahrer ertragen dies weitgehend emotionslos und beteiligen sich an lebhaften Diskussionen. So unter anderem zur Gleichberechtigung von Mann und Frau in Indien. Eine sehr selbstbewusst-modern auftretende Frau beschwert sich: Zwar koennten Frauen eine guten Ausbildung bekommen und gute Jobs finden. Aber sobald die Heirat, Familie und Kinder anstehen, ist es aus mit der Karriere. Eine Mutter findet nie wieder einen Job. Und die Maenner sind schuld: Die Ehemaenner versuchen ihre Frauen gezielt von Arbeitswelt fernzuhalten, und setzen sogar die Kinderplannung als Waffe ein. Die indischen Maenner reagieren recht schroff, die Frauen sollen sich doch selbst durchsetzen, sind nicht „straight“, ihnen fehle der Wille zum Erfolg. Und alles liegt an, na wem wohl? Na an den Muettern die ihre Kinder und Toechter  sperziehen. Insgesamt war die Stimmung recht aufgeheizt. Und gerade die recht modernen indischen Maenner stellten sich auf den Standpunkt, Frauen duerfen alles, und wenn sie nicht alles „schaffen“ ist es ihre eigene Schuld.

Die Stimmung ist recht geladen, die meisten Kommentare polemisch. Ich beteilige mich kaum an der Diskussion kaum, und gebe den Maennern nur zwei, wie ich finde interessante und richtige Thesen bzw. empirischen Befunde aus der deutschen Debatte mit auf den Weg:

– Hinter jedem erfolgreichen Mann steht eine Frau die den Haushalt macht. Jede erfolgreiche Frau ist alleine.

 – Maenner sind benachteiligt: Maenner haben nur eine moegliche Rolle, sie koennen arbeiten oder arbeitslos sein. Frauen koennen arbeiten oder Hausfrauen sein. Logische Folgerung: Maenner an den Herd!

Die beiden Aussagen wurden anschliesend unter den indischen Maennern diskutiert, aber mir gegenueber wurde keine weitere Aeusserung dazu gemacht.

Geraeusche in der Nacht

Juli 20, 2006

Die zweite Nacht habe ich bei Kamesh und seiner Familie verbracht. 16 Prsonen  schlafen in einem recht kleinen Haus in einem Vorort von Bangalore. Fuer mich wurde ein Bett in der Huette vor dem Haus freigeraeum und mit einem Bett versehen. Da Nina heute nach um 3.45 am ankommen sollte, gings frueh ins Bett um vorher noch etwas Schlaf zu bekommen. Die andauerden Schar- und Kratzgeraeusche aus der anderen Ecke liesen mich jedoch nciht so schnell einschlafen. Also begab ich mich mit meiner LED von meinem Handz bewaffnet auf die Suche nach den Stoerenfried. Ich vermutete eine Ratte da eine Maus wohl nicht zu einem solchen Laerm faehig ist. Es dauerte eine Weile bis ich merkte das die Haus-eigene Huehnerschaar fuer den Laerm verantwortlich war, da sie auf meinen Wellpape-Dach naechtigte und ihren Schaarbeduerfniss nachkam. Beruhigt die Ursache zu kennen, gelang es mir danach auch einzuschlafen. Eine halbe Stunde spaeter wurde ich dafuer durch eine aufspringende Tuer geweckt. Diese krachte gegen die Wand und fiel wieder zu. Erneut beunruhigt versuchte ich wieder mein Handy einzuschalten, da kein Grund dafuer erkennbar war. Bevor ich es an hatte kam dann aber die neugierige Hundeschnauze durch den Tuerspalt… Auf diese Weise lernte ich noch zwei weitere Hunde in der Nacht  kennen.

Das aufregendste Aufwachen kam abe danach: laute Gurgel-, Kratz- Husten- und was auch immer geraeusche drangen aeusserst laut durch das Fenster. Weder konnte ich mir fuer diese einen Grund auch nur ausdenken noch verspuerte ich Gelueste diesen auf den Grund zu gehen. Nach vielleicht fuenf Minuten loesten sich dieses Raetsel auch auf: insbesondere aeltere Maenner scheinen den Toilettengang zu diversen weiteren inneren und sehr geraeuschsintensiven Reinigungsprozessen zu nutzen…